Freiheit, Gleichberechtigung

Burka und Niqab im Islam

Burka und Niqab werden heute ausschliesslich in ultrakonservativen Kreisen des Islams propagiert und dienen der vollständigen Verschleierung weiblicher Körper. Radikale Muslime schreiben heutzutage ihren Mädchen in der Regel vor, den Ganzkörperschleier ab der Pubertät zu tragen. Im Diskurs darüber führen einige Gegner immer wieder ins Feld, ein Verbot der Gesichtsverhüllung verstosse gegen die Religionsfreiheit. Das ist in verschiedener Hinsicht nicht zutreffend.

Im Koran, der heiligen Schrift des Islams, findet man keine explizite Aufforderung, dass Frauen ihren Körper verhüllen sollen. Nur in einzelnen von tausenden Suren ist die Rede davon, sich zum eigenen Schutz «züchtig zu kleiden», bescheiden zu sein und keine begehrlichen Blicke von Männern auf sich zu ziehen:

«O Prophet! Sprich zu deinen Ehefrauen und Töchtern und zu den Frauen der Gläubigen, sie sollen ihre Gewänder tief über sich ziehen. So ist es am ehesten gewährleistet, dass sie erkannt und nicht belästigt werden.» (Sure 33,59)[1]

Und Sure 24,31 besagt: «Und sag zu den gläubigen Frauen, sie sollen ihre Blicke senken und ihre Scham hüten, ihren Schmuck nicht offen zeigen, ausser dem, was (sonst) sichtbar ist. Und sie sollen ihre Kopftücher auf den Brustschlitz ihres Gewandes schlagen (…).»[2]

Ursprünge der Gesichtsverhüllung

Das mit Formen des Islams verbundene Gebot der Gesichtsverhüllung hat verschiedene Ursprünge, die sich im Verlauf der Jahrhunderte entwickelt haben und je nach religiöser oder regionaler Ausprägung heute anders gedeutet werden. Jene Verhüllung, die der Prophet Mohammed seinen Frauen vorschrieb, ist nicht zwangsläufig das, was heute in islamischen Ländern zu sehen ist. «Zu Beginn des Islams war es jedenfalls nicht verboten, das Gesicht der Frau zu sehen», schreibt dazu der renommierte persische Autor Ali Schirasi.[3]

Schirasi meint zudem: «Der Islam bildete sich vor rund 1400 Jahren auf der Arabischen Halbinsel heraus. Das heisse, trockene Klima veranlasste deren Bewohner, sich ständig mit weiten, langen Gewändern zu bekleiden und ihren Kopf mit einem grossen, dünnen Tuch zu schützen. Der Stoff legte sich wie ein Schutzzelt um ihren Körper und verhinderte dessen übermässige Austrocknung – in dieser sengenden Hitze und trockenen Luft ein Gebot der Vernunft. So hat die Verhüllung des Körpers auf der Arabischen Halbinsel eine lange Tradition, die um ein Mehrfaches älter ist als der Islam.»

Die «Aargauer Zeitung» schrieb zur Geschichte des Niqab: «Im 19. Jahrhundert breitete er sich im Nahen und Mittleren Osten aus als exklusive Kopfbedeckung für Oberschichtfrauen, die sich in ihren Häusern bewusst von der Öffentlichkeit des Strassenlebens fernhielten. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verschwand dieser Edel-Niqab völlig aus den islamischen Gesellschaften entlang dem Mittelmeer, bis er nach dem Ölboom in den 70er-Jahren über die Rückkehrerfamilien aus Saudi-Arabien wieder auftauchte.»[4]

Die Herkunft der Ganzkörper-Verhüllung hat nebst der archaisch-kulturellen Komponente also durchaus auch praktische Gründe.

Vollverschleierung als «neues Phänomen»

Die Haltung, Frauen hätten in der Öffentlichkeit ihren ganzen Körper zu bedecken, ist in den grössten Teilen der muslimischen Welt – entgegen gewissen Vorurteilen – ein eher neues Phänomen. Sie ist eng verknüpft mit dem salafistischen, wahhabitisch-sunnitischen Islam, einer radikal-konservativen Glaubens-Ideologie, die für sich in Anspruch nimmt, den ganzen Islam zu vertreten und die ihren Ursprung auf der arabischen Halbinsel hat. Darüber hinaus hat der Salafismus[5] erst grössere Verbreitung gefunden, seitdem die steinreichen Golfstaaten (hauptsächlich Katar und Saudi-Arabien) dessen aggressive Expansion mit erheblichem Mitteleinsatz finanzieren.

Noch in den 1970er- und 1980er-Jahren waren ganzkörperverhüllte Frauen im öffentlichen Leben vieler muslimischer Länder eine Seltenheit. Diesen Fakt dokumentiert beispielsweise die Facebook-Gruppe «Before Sharia Spoiled Everything[6]» sehr eindrücklich. Sie widmet sich «dem Andenken säkularer Gesellschaften und Subkulturen des Zwanzigsten Jahrhunderts in Ländern mit muslimischen Bevölkerungsmehrheiten» und publiziert in diesem Zusammenhang Bilder von unverschleierten, westlich gekleideten Frauen aus der muslimischen Welt früherer Tage.

In Europa haben sich radikal-islamistische Ansichten einerseits durch Einwanderung von Muslimen verbreitet, im Zuge derer leider auch rückständige, archaische Frauenbilder importiert wurden. Dies darf indes nicht die Tatsache überdecken, dass auch zum Islam konvertierte Europäer nicht selten anfällig für radikale Ansichten sind. Von mehreren hunderttausend in der Schweiz lebenden Muslimen sind schätzungsweise 30’000 Konvertiten[7]. So ist es nicht untypisch, dass mit Nora Illi († 2020) die bekannteste Niqab-Trägerin der Schweiz eine zum Islam konvertierte Schweizerin war.

Radikal-islamistische Milieus, die ihren Frauen vorschreiben, sie hätten ihren Körper zu verhüllen, um sich vor den Blicken fremder Männer zu schützen, sind auch in der Schweiz verankert. Deren Strukturen (Moscheen, Imame, Propaganda-Apparate, Immobilien) werden mit viel Geld aus dem Ausland unterstützt, weswegen radikale Vereinigungen innerhalb der muslimischen Gemeinde immer dominanter auftreten und laufend an Einfluss gewinnen. Diese die freiheitliche Ordnung der Schweiz zunehmend gefährdenden Machenschaften beschreiben zum Beispiel die Bücher «Islamistische Drehscheibe Schweiz»[8] der Islam-Expertin Saïda Keller-Messahli und «Le radicalisme dans les mosquées suisses»[9] von Mireille Vallette (nur auf Französisch) sehr genau.

Muslimische Sympathien für ein Verhüllungsverbot

Die meisten in der Schweiz lebenden Muslime haben mit dem radikalen politischen Islam nichts am Hut. Es nützt aber niemandem, wenn wir die Realität ausblenden, dass existierende extremistische Milieus massiven Druck auf säkulare Muslime ausüben und grossen Aufwand betreiben, um junge Muslime – leider häufig mit Erfolg – zu indoktrinieren. Diesen Kreisen, welche ihre Ideologie über die Werte der Schweizerischen Bundesverfassung stellen, auf demokratischem Weg Paroli zu bieten – auch mit einem Verhüllungsverbot –, ist das Gegenteil von dem, was diese Kreise als «islamophob» verklären. So verwundert es nicht, dass viele gut integrierte Muslime in der Schweiz ein Verhüllungsverbot ebenfalls befürworten.

Stellvertretend für viele Muslime sprach sich der Berner Imam Mustafa Memeti, Präsident des Albanisch Islamischen Verbands Schweiz, in Zeitungsinterviews öffentlich für die Volksinitiative für ein Verhüllungsverbot aus. Er sagte: «Es ist absurd, eine Burka zu tragen. Sie ist theologisch nicht zu begründen und gehört nicht zu den islamischen Verpflichtungen.» Ein Verhüllungsverbot sei kein Zeichen gegen Muslime, höchstens gegen die Ultrakonservativen.[10]

Ähnlich äussert sich die Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam, Saïda Keller-Messahli:

«Ich bin für die Volksinitiative. Im Tessin gibt es das Verbot bereits, und es ist völlig problemlos. Die Verschleierung hat nichts mit der Glaubensfreiheit zu tun und auch nichts mit dem Koran. Es geht den salafistischen Frauen, die in der Schweiz ihr Gesicht verschleiern, nur darum, die Gesellschaft zu provozieren. Sie senden damit die Botschaft aus, dass wir anderen uns mit dem politischen Islam abzufinden haben. Diese politische Botschaft ist eine Absage an die Demokratie, an die Freiheit der Frauen und natürlich an die Gleichberechtigung.»[11]

Die guten Erfahrungen, die der Kanton Tessin gemacht habe, sind aus Sicht Keller-Messahlis Grund genug, auch ein nationales Verschleierungsverbot zu befürworten. «Für mich hat sich damit bestätigt: Die Frauen sind eigentlich sehr froh um eine solche Vorschrift», sagt die gebürtige Tunesierin. «Das Verbot ist für sie eine Möglichkeit, sich als Mensch und nicht als Phantom in der Öffentlichkeit zu zeigen.» Sehr viele Frauen seien dankbar, bekämen sie die Möglichkeit, ihren Schleier abzunehmen, glaubt sie.[12]

Hohe Islam-Gelehrte gegen Burka und Niqab

Die Al-Azhar-Universität in der ägyptischen Hauptstadt Kairo gilt als wichtigste sunnitisch-islamische Lehreinrichtung. Die Rechtsgutachten des Fatwa[13]-Rates der Azhar gelten als allgemeingültig für sunnitische Muslime. Und die Universität vertritt eine klare Haltung: «Der Niqab schadet dem Islam.» Vor Jahren schon hat die Universität deshalb Verhüllungsverbote in ihren Räumlichkeiten erlassen. Die Debatte losgetreten hatte im Oktober 2009 der damalige Vorsitzende der Lehrautorität, als er bei einem Schulbesuch ein verschleiertes 12-jähriges Mädchen rüde abkanzelte und aufforderte, ihr Gesicht zu zeigen.

Zur Einführung des Burkaverbots in Frankreich im Jahre 2010 sagte der hochrangige Islam-Gelehrte Abdel Muti Al-Bayyumi, Mitglied des Hohen Geistlichen Rates der Al-Azhar: «An Europa und Frankreich möchte ich als Botschaft schicken – der Niqab hat keine Grundlage im Islam, er schadet vielmehr dem Ansehen des Islam.»[14]

In einem Interview mit tagesschau.de sagte ein anderer Gelehrter mit Verweis auf die Tatsache, dass Burka und Niqab im Koran nicht erwähnt sind: «Wenn eine Frau sich dazu entscheidet, den Gesichtsschleier zu tragen, darf sie das nicht als einen religiösen Akt betrachten.» Der Niqab sei vielmehr «eine Tradition, die Gewohnheitsrecht wurde, und die dem Brauchtum mancher Länder entstammt, aber von der nichts in den Grundlagen des islamischen Rechtes, in der Scharia, steht.» Nur in einem besonderen Fall seien Frauen zum Tragen eines Gesichtsschleiers verpflichtet gewesen: «Die Frauen des Propheten mussten ihn anlegen. Aber nicht die muslimischen Frauen im Allgemeinen. Es war eine Besonderheit für diese speziellen Frauen von Mohammed.»[15]

[1] Quelle: https://verhuellungsverbot.ch/wp-content/uploads/2020/07/170915_SEA_Glossar_Verhuellungsverbot.pdf (aufgerufen am 23.11.2020)

[2] Quelle: http://islam.de/13827.php?sura=24 (aufgerufen am 23.11.2020)

[3] Quelle: http://www.alischirasi.de/as050126a.htm (aufgerufen am 20.11.2020)

[4] Quelle: https://www.aargauerzeitung.ch/ausland/beifall-von-ungewohnter-seite-islam-theologen-fuer-burka-verbot-130503142 (aufgerufen am 20.11.2020)

[5] Weitere Infos zum Salafismus: https://verhuellungsverbot.ch/stichwortverzeichnis/#salafismus

[6] Quelle: https://www.facebook.com/groups/177938792951113 (aufgerufen am 20.11.2020)

[7] Quelle: https://www.inforel.ch/i50e9.html (aufgerufen am 20.11.2020)

[8] Quelle: https://www.orellfuessli.ch/shop/home/rubrikartikel/ID65274020.html

(aufgerufen am 20.11.2020)

[9] Quelle: https://www.payot.ch/Detail/le_radicalisme_dans_les_mosquees_suisses-mireille_vallette-9782888922100 (aufgerufen am 04.12.2020)

[10] Quelle: https://www.blick.ch/politik/berner-imam-begruesst-verhuellungsverbot-es-ist-absurd-eine-burka-zu-tragen-id5540411.html (aufgerufen am 20.11.2020)

[11] Quelle: https://www.bazonline.ch/schweiz/sieben-frauen-fuer-ein-burkaverbot/story/26358743

(aufgerufen am 20.11.2020)

[12] Quelle: https://www.blick.ch/politik/islam-kennerin-sa-da-keller-messahli-viele-frauen-sind-dankbar-fuer-das-burka-verbot-id5336159.html (aufgerufen am 23.11.2020)

[13] Rechtsgutachten im Islam, in dem festgestellt wird, ob eine Handlung mit den Grundsätzen des islamischen Rechts vereinbar ist (Quelle: islaminstitut.de).

[14] Quelle: https://www.aargauerzeitung.ch/ausland/beifall-von-ungewohnter-seite-islam-theologen-fuer-burka-verbot-130503142 (aufgerufen am 20.11.2020)

[15] Quelle: https://www.tagesschau.de/ausland/burka-interview-101.html (aufgerufen am 20.11.2020)

Zum Kapitel "Burka und Niqab keine normalen Kleidungsstücke"

Weitere Schwerpunkte

Argumente

Gebot der Gleichstellung

Gleichberechtigung

Nein zum indirekten Gegenvorschlag

Freiheit

Erfahrungen des Kantons Tessin

Freiheit

Verhüllungsverbot «in Zeiten von Corona»

Freiheit