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Menschenrechtspreis für muslimische Aktivistin

«Für den Westen kommt nun das böse Erwachen»

Saïda Keller-Messahli (links) erhält zusammen mit dem Menschenrechtspreis ein eigens gemaltes Bild der Malerin Elsbeth Boss (rechts). zvgSaïda Keller-Messahli (links) erhält zusammen mit dem Menschenrechtspreis ein eigens gemaltes Bild der Malerin Elsbeth Boss (rechts). zvg

Saïda Keller-Messahli (links) erhält zusammen mit dem Menschenrechtspreis ein eigens gemaltes Bild der Malerin Elsbeth Boss (rechts). zvg

Dieser Beitrag wurde am 28. Dezember 2016 in Interview veröffentlicht.

Quelle: tobias-tscherrig.ch

Anfang Dezember 2016 erhielt die Romanistin Saïda Keller-Messahli den Menschenrechtspreis. Sie trete trotz Drohungen für einen weltoffenen Islam ein, hiess es an der Feier. Im Interview kritisiert die Aktivistin den Umgang mit Muslimen in der Schweiz und sagt, warum sich kritische Muslime von der Linken im Stich gelassen fühlen.

Saïda Keller-Messahli, herzlichen Glückwunsch zum Erhalt des Menschenrechtspreises. Was dachten Sie, als Sie von Ihrer Nominierung erfuhren?
Ich bin ein bisschen erschrocken. Das ist der erste Preis, den ich in meinem Leben erhalte. Entsprechend nervös war ich vor der Preisübergabe. Dann kam der Stress: Die Laudatio musste organisiert, die Gäste eingeladen werden. Die Dankbarkeit kam erst während der Feier auf.

Der Menschenrechtspreis ist Ehre und Verpflichtung zugleich.
Das ist richtig, meine Arbeit geht weiter. Den Preis sehe ich als moralische Anerkennung und Unterstützung. Er gibt mir die Kraft, durchzuhalten und weiterzumachen.

2004 gründeten Sie das «Forum für einen fortschrittlichen Islam». Wofür stehen Sie ein?
Mit dem Forum wollen wir unseren Teil zu einem weltoffenen und humanistischen Islam beitragen. Wir fördern die kritische Debatte innerhalb unserer Religion und wollen ein Gegengewicht zu den konservativen Strömungen und Verbänden bilden. Ausserdem kümmern wir uns um Muslime, die Probleme bei der sozialen Integration in der Schweiz haben. Es sind viele Menschen, die uns um Hilfe ersuchen. Wir helfen ihnen weiter oder vermitteln sie an die richtige Beratungsstelle. Oft erhalten wir auch Anfragen von Schweizer Behörden, Sozialarbeitern oder Lehrern.

Mit welchen Problemen treten Muslime an Sie heran?
Es sind sehr unterschiedliche Anliegen, meistens geht es um das Selbstbestimmungsrecht von jungen Menschen, deren Familie es nicht akzeptiert, dass sie sich für einen Partner entscheiden, der nicht Muslim ist. Manchmal suchen auch Eltern Hilfe, wenn das Verhalten ihres Kindes nicht in ihr Weltbild passt. Kürzlich hatte ich etwa Kontakt mit einem homosexuellen muslimischen Mann, der ein Doppelleben führt: mit seiner Familie und mit seinem Partner. Die Situation ist für ihn so unerträglich, dass er an Suizid denkt.

In früheren Interviews sagten Sie, es sei die Streitschrift «Die Krankheit des Islams» des französischen Islamkritikers Abdelwahab Meddeb gewesen, die sie beeinflusst hätte. Wo verorten Sie diese Krankheit?
Die Krankheit des Islams ist der Islamismus, der politische Islam. Solange der Glaube ausschliesslich die spirituelle Ebene abdeckt gibt es keine Probleme – auch im Islam nicht.

Wie muss sich der Islam verändern?
Die Menschenrechte müssen höher als die religiösen Gebote gewichtet werden und religiöse Vorgaben, die Diskriminierung und Gewalt legitimieren, müssen von Muslimen offen diskutiert und verworfen werden.

Gibt es im Islam einen Erneuerungsprozess?
Den gibt es. Viele Denker werden aber noch nicht wirklich wahrgenommen und gelten als Aussenseiter oder elitär. Als Beispiel: Der syrische Islamwissenschafter Jawdat Saïd verfasste bereits in den 60er Jahren Bücher über die Gewalt im Islam. Dafür interessierte sich aber kaum jemand. Das Bild vom Orient wurde in erster Linie durch Orientalisten nach Europa getragen. Diese malten üppige Bilder von Harems in den Palästen  und verklärten so  die brutale Realität in den mehrheitlich islamischen Ländern. Hinzu kommt, dass sich fast nur Akademiker mit dem Thema Islam befassten. Nun kommt für den Westen das böse Erwachen.

Sie sprechen vom Islam oft als Religion, die den Anschluss an die Moderne verpasst hat.
Der Islam ist nicht nur eine Religion, sondern leider auch ein politisches Programm, weil seine Entstehung eng mit der politischen Macht verbunden ist. In den meisten islamischen Ländern und Familien dient der Koran in fast allen Lebensbereichen als Richtschnur. Deshalb arbeiten wir vom Forum auch an der Trennung von Religion und Politik und damit an einer laizistischen muslimischen Glaubensgemeinschaft.

Sie hören sich an, als wäre der Grossteil der Muslime fundamentalistisch eingestellt.
Das stimmt natürlich nicht. Weltweit gibt es viele Muslime, die der rigiden Auslegung des Korans kritisch gegenüberstehen. Das Problem ist, dass es in vielen islamischen Ländern keine freie Meinungsäusserung gibt. Kritiker wie etwa der Blogger Raif Muhammad Badawi werden gefangen, ausgepeitscht und oft sogar umgebracht. Selbst der Anwalt von Badawi wurde inhaftiert.

Das war nicht immer so. In den 50er- und 60er-Jahren waren in einigen islamischen Ländern laizistische Regierungen an der Macht.
Damals ging in vielen muslimischen Ländern die Kolonialherrschaft zu Ende. Es wehte ein freiheitlicher Wind, sogar in Afghanistan und im Iran. Salafisten waren eine Randerscheinung. Frauen hatten fast die gleichen Rechte wie Männer und mussten sich zum Beispiel auch nicht verhüllen. Die Religion spielte damals keine grosse Rolle. In der Politik höchstens, um Diktatoren religiöse Legitimität zu verleihen.

Dann kam der Rückschritt?
Der Rückschritt kam schleichend. Die laizistischen Regierungen haben einerseits autoritär regiert und jede demokratische Opposition unterdrückt. Andererseits stellten sie für die Königreiche am Golf eine Bedrohung dar. So begannen die Saudis und ihre Verbündeten die Muslimbruderschaft in Ägypten zu unterstützen, welche von den laizististischen Regimes verfolgt und inhaftiert wurde. Als es dann nach dem sogenannten Arabischen Frühling Wahlen gab, haben die Islamisten die Bevölkerung daran erinnert. Man hatte Mitleid mit ihnen, sie wurden gewählt. Dann ging es nur noch abwärts.

Was versprachen die Muslimbrüder?
Sie propagierten die soziale Gerechtigkeit, die übrigens ein Grundpfeiler des muslimischen Glaubens ist. Weiter kritisierten sie die Vernachlässigung der Landbevölkerung und die Korruption der Elite. Das einfache Volk hatte unter der Ungleichbehandlung gelitten und glaubte an diese Versprechen. Der Aufstieg der Islamisten wurde durch die schlechte Bildung der Bevölkerung zusätzlich begünstigt.

Und Sie? Sie wurden 1957 in Tunesien geboren, sind Teil einer islamischen Familie.
Auch meine Eltern hatten keine Bildung genossen. Trotzdem waren sie sehr tolerant. Während des französischen Protekrotats in Tunesien hatten sie viele andersgläubige Freunde. Meine Geschwister und ich genossen bei der Religionsausübung alle Freiheiten. Ich besuchte schliesslich eine katholische Nonnenschule und kam dadurch in die Schweiz. Das hat mich geprägt.

Der Islam wird heute immer mehr als Gefahr wahrgenommen, oder?
Die Menschen sind misstrauischer geworden. Das hängt mit den Terroranschlägen zusammen, dem Dschihadismus, der Intransparenz der Moscheen und mit den dauernden Forderungen der Islamverbände. Zudem wird das Bild von den grossen Flüchtlingswellen geprägt. Leider gibt es eine radikale Minderheit – dazu gehören auch die zum Salafismus konvertierten Europäer – die sich aktiv gegen die demokratische Gesellschaft richtet und dabei auf die grosszügige Unterstützung der Königreiche am Golf zählen kann. Zu dieser Unterstützung gehören auch die Millionen von Korane, die weltweit an «Lies!»-Ständen gratis abgegeben werden.

Neben den Koranen, die an den «Lies!»-Ständen abgegeben werden, zirkuliert noch weit mehr Propagandamaterial. Wie wird es finanziert? 
Das Material stammt aus Saudiarabien. Die weltweite Propaganda wird mit den Milliarden von der Islamischen Weltliga betrieben. Zur Islamischen Weltliga gehören 57 mehrheitlich islamische Staaten wie beispielsweise die Türkei oder der Kosovo.

In allen Religionen wird Liebe gepredigt und oft genug Hass gesät. Warum?
Jede Religion ist untrennbar mit Gewalt verbunden. Die Religionen machten die Gewalt erst salonfähig, auch die Bibel ist voll davon. In der Realität führte das dann zu Kriegen, Kreuzigungen, Hexenverbrennungen und anderen Gräueltaten. Dazu kommt, dass monotheistische Religionen immer ein Herrschaftsmuster aufweisen und oft auch zur Machtlegitimierung der Herrschenden missbraucht wurden und werden. Ausserdem tragen alle Religionen ihren Teil zur Frauendiskriminierung bei. Alle drei monotheistischen Religionen wollen die Frau zähmen und sehen sie als minderwertiges Lebewesen.

Trotzdem bereiten zurzeit vor allem islamische Fundamentalisten Sorgen.
Die Religionen konnten immer nur durch die Zivilgesellschaften an das politische Leben angepasst werden, das lehrt uns die Geschichte. Es war nie die Kirche, also die machtausübende Institution, die von sich aus Macht abgegeben hat. Der Islam hat diese historische Entwicklung noch nicht durchgemacht. Es sind keine Massen gegen das religiöse Denkkorsett und für die Freiheit aufgestanden. Ganz einfach, weil der Islam Offenbarung und politisches Programm zugleich ist. 

Sprechen wir über den «heiligen Krieg». Wie legitimieren Dschihadisten ihr Weltbild?
Die Dschihadisten berufen sich auf Koranverse und mündliche Überlieferungen, die im 7. Jahrhundert und später in einem kriegerischen Kontext entstanden sind. Sie geben sich oft einen Kriegsnamen mit Bezug zu dieser Zeit und sehen sich als Weggefährten des Propheten. Sie instrumentalisieren den Koran und die Hadithe (mündliche Überlieferungen), um Krieg und Macht ausüben zu können.

Nicht jeder Muslim ist ein Dschihadist…
…doch jeder Dschihadist ist ein Muslim. Die toleranten und oft auch kritischen Kräfte unterstützt man aber nur, wenn man die Probleme offen anspricht und nicht unter den Tisch wischt. Die Öffentlichkeit hat also recht, wenn sie den Islam kritisiert. Diese Kritik ist berechtigt und wird auch von vielen Autoren und Denkern in der islamischen Welt artikuliert. Sie zuzulassen bedeutet auch eine Unterstützung der kritischen Muslime.  

Damit liefert man den Fundamentalisten aber auch neue Munition.
Das stimmt, allerdings gilt das nicht nur in Bezug auf islamische Fundamentalisten. Die islamischen Probleme werden zum Beispiel auch von der äussersten Rechten missbraucht. Das ist aber noch lange kein Grund, die Missstände zu verschweigen. Nehmen wir die sogenannte Burka, also die unwürdige Verhüllung von muslimischen Frauen im öffentlichen Raum: Die Rechte hat sich noch nie für die Gleichstellung der Frau interessiert. Trotzdem beackert sie das Thema und legitimiert damit ihre Politik. Das gehört zu einer Demokratie.

Das stört Sie nicht?
Doch. Uns ist bewusst, dass uns Rechtsextreme am liebsten allesamt ausschaffen würden. Aber leider ist es oft nur die Rechte, die Inakzeptables anspricht, auch wenn manchmal andere Absichten dahinterstecken. Für mich ist die rechtsextreme Ideologie aber genauso totalitär wie diejenige der Islamisten. Sie bedingen sich gegenseitig.

Frauenrechte wären eigentlich ein Kernthema der Linken.
Die Linke hat es immer wieder verpasst, sich beim Thema Islam klar zu positionieren und für die muslimischen Frauen einzustehen. Die Linke will für Muslime nur den Minderheitenschutz, inhaltlich geht sie aber die Probleme um den politischen Islam nicht an. Dabei kann man Muslimen durchaus zutrauen, Veränderungen herbeizuführen. Dafür muss man sie aber ernst nehmen. Die Linke ist weit davon entfernt. Das kommt vielen islamistischen Aktivisten entgegen. Kritische Muslime werden in vielen Ländern nur von der Rechten gehört. Was sollen sie also tun? Sie brauchen die Unterstützung und die Plattformen aller, um Veränderungen herbeizuführen.

Die Linke lässt die gemässigten muslimischen Aktivisten im Stich?
Das ist so. Eigentlich müsste die Linke Seite an Seite mit den weltoffenen Aktivisten für einen humanistischen Islam kämpfen. Das tut sie aber nicht. Zum Beispiel werden die Aktivisten von der Linken nicht zu Podiumsdiskussionen eingeladen, mit der Begründung, die Aktivisten würden polarisieren. Von den fortschrittlichen muslimischen Aktivisten politisiert niemand auf der rechten Seite. Trotzdem werden sie auch von der Rechten auf Podien eingeladen. Die Linke betreibt dagegen Kulturrelativismus und ihr einziges Ziel ist es, sich von der Rechten abzugrenzen. Das bringt uns nicht weiter.

Es waren vor allem rechte Politiker, die sich in der Schweiz für das Minarettverbot stark machten. Auch die Burkadiskussion wird von rechter Seite angetrieben. Sind Verbote der richtige Weg?
Ja. Ein Verbot ist ein starkes symbolisches Signal der Gesellschaft. Das Burkaverbot bedeutet, dass bei uns Frauen im öffentlichen Raum nicht herabgewürdigt und markiert werden dürfen und dass unser öffentlicher Raum gleichzeitig auch politischer Raum ist, in dem die religiöse Zugehörigkeit keine Rolle spielen sollte. Im Kanton Tessin wird das Burkaverbot umgesetzt. Ich sprach mit zwei muslimischen Touristinnen, die es genossen, ohne Schleier durch die Strassen zu flanieren. Sie sagten mir: «Das ist merkwürdig. Wir zeigen mehr von unserem Gesicht und trotzdem schenken uns die Menschen weniger Beachtung.» Sie genossen es, nicht angestarrt zu werden. 

Nichtsdestotrotz gibt es in der Schweiz kaum Burkaträgerinnen.
Da haben Sie recht. Oft handelt es sich dabei um Konvertiten: Frauen aus der Schweiz, denen der Punk nicht radikal genug war. Nora Illi ist ein gutes Beispiel.

Ein gutes Stichwort. Was halten Sie von Nora Illi und Nicolas Blancho?
An ihnen kann gut demonstriert werden, wie islamistische Propaganda funktioniert. Wenn Frau Illi in einer Show auftritt, läuft die untertitelte Show am nächsten Tag in den Golfstaaten. Illi wird als Gallionsfigur gebraucht, sie vermittelt das Bild der starken muslimischen Frau, die im Westen für die Rechte ihrer Glaubensschwestern kämpft. Dasselbe Vorgehen kann bei Herr Blancho beobachtet werden. Auch er ist sehr oft in Katar und in Kuweit online zu sehen und wird als Musterbeispiel eines Muslims dargestellt.

Propaganda, um in den muslimischen Ländern den Hass auf den Westen zu schüren?
Genau dafür werden diese Menschen instrumentalisiert. Um zu zeigen, wie attraktiv der Salafismus selbst für Europäer ist. Ein anderes Beispiel: Ein salafistischer Showmoderator wurde nach St. Margrethen (SG) zu einer muslimischen Familie gebracht. Die Kinder mussten dem Mann sagen, wie rassistisch und islamophob die Schweiz sei. Diese Aussagen wurden dann zu Propagandazwecken gebraucht. Da stecken gut vernetzte Geldgeber dahinter, die dieses Verhalten wollen, fördern und finanzieren.

Rechte Politiker bemühen das Bild von der «Islamisierung der Gesellschaft». Zu Recht?
Ja, die gibt es. Leider. Sehen Sie sich die Strukturen im Hintergrund an, etwa die ausländischen Organisationen hinter den Moscheen. Woher kommen die radikalen Wanderprediger? Wer bildet diese aus und finanziert ihre weltweiten Reisen? Die Islamische Weltliga fördert von Saudiarabien aus die Radikalisierung der Gläubigen auf der ganzen Welt. Sie hat ein Budget von rund einer Milliarde Dollar pro Jahr und setzt ganze Abteilungen zur Verbreitung des Salafismus ein. Da ist eine weltweite Strategie erkennbar, Europa ist Teil davon. Die Weltliga betreibt sogar in Mittel- und Südamerika Büros, sie ist extrem aktiv und deshalb auch so gefährlich.

Woher kommen die radikalen Prediger?
Viele Imame, die als Wanderprediger unterwegs sind, kommen vom ehemaligen Jogoslawien oder von Ankara. Meistens wurden sie in Saudiarabien ausgebildet. Die Türkei ist zusammen mit rund 57 anderen Staaten Mitglied der Islamischen Weltliga. Auch der Kosovo gehört zu den Mitgliedern, andere Länder auf dem Balkan haben ein Abkommen mit der Islamischen Weltliga unterzeichnet.

Das ehemalige Jugoslawien als Brutstätte von Islamisten?
Dort ist die Islamische Weltliga seit dem Ende der Jugoslawienkriege besonders präsent. Die Hintermänner aus Saudiarabien investierten viel Geld in die Infrastruktur, so finanzierten sie unter anderem Moscheen und Koranschulen. Das eigentliche Ziel dahinter ist die Propagierung des Salafismus und des Wahabismus. Heute weist der Kosovo prozentual zu seinen Einwohnern die höchste Rate von europäischen Dschihadisten auf. Das ist traurig, in Ex-Jugoslawien gab es früher nie Probleme mit dem Islam.

Sie sprachen von den Moscheen in der Schweiz. Was stört Sie daran?
In der Schweiz gibt es ungefähr 300 meist abgeschottete Moscheen. Viele davon laden radikale Prediger ein und vermitteln fragwürdige Werte wie zum Beispiel das Kopftuch für kleine Mädchen oder die systematische Trennung von Mädchen und Knaben. Die Finanzierung der Moscheen ist intransparent. In letzter Zeit entstehen bei uns repräsentative Moscheen für mehrere Millionen Franken. Die Verantwortlichen sagen, die Kosten würden mit Mitgliederbeiträgen gedeckt. Das ist unglaubwürdig. Das Geld kommt höchstwahrscheinlich von der Islamischen Weltliga, welche unter der Leitung von Saudiarabien das bestehende Moscheennetzwerk in der Schweiz und in Europa nutzt, um den Wahhabimus, die saudische Staatsdoktrin, zu propagieren. Kein Wunder, besuchen fast 90 Prozent der Schweizer Muslime keine Moschee. Trotzdem ist nicht jeder Gläubige, der in der Schweiz eine Moschee besucht, ein Islamist.

Damit krisieren Sie auch die Gesetze in der Schweiz: Die Spielregeln, welche für das Betreiben von Moscheen gelten.
Richtig. In der Schweiz gibt es keine gesetzlichen Grundlagen, die systematische Kontrollen in Moscheen ermöglichen. Die Wanderprediger reisen einfach mit einem Touristenvisum ein und verbreiten hier ihre Propaganda. Helfen könnte ein Islamgesetz, wie es beispielsweise Österreich installiert hat. Die österreichischen Behörden haben damit ein Instrument in der Hand, das es ermöglicht, die Finanzierung der Moscheen zu kontrollieren. Wir sollten darüber nachdenken, ein solches Gesetz zu entwerfen, unabhängig von der Frage nach der öffentlich-rechtlichen Anerkennung der islamischen Verbände.

Danach fliesst das Geld über andere Kanäle.
Leider ist das so – auch in Österreich. Trotzdem hätten die Behörden eine gesetzliche Grundlage, die es ermöglicht, die betreffenden Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Das wäre übrigens auch ein starkes Signal für die Verantwortlichen der Moscheen: Wir interessieren uns, ihr seid nicht einfach abgeschottet. Die Realität sieht aber anders aus, man kümmert sich nicht um die Moscheen – und das seit ungefähr 20 Jahren.

Wo sehen Sie in Ihrem Alltag in der Schweiz Islamisten?
Zum Beispiel an den «Lies»-Ständen. Das sind Marktstände von Salafisten, die überall auf der Welt kostenlose Exemplare des Korans verteilen. So auch in der Schweiz. Einige der Schweizer Lies-Aktivisten sind nach Syrien in den Krieg gezogen. In Deutschland sagen die Behörden, dass sich jeder achte Lies-Aktivist radikalisiert und in den Krieg zieht. Die salafistische Szene ist mittlerweile leider nicht nur in Deutschland am Wachsen. Bei uns ist sie in Form des IZRS auch sehr aktiv.

Ihre Kritiker sagen, Sie würden SVP-Positionen vertreten.
Mit derartigen Argumenten versucht man, unliebsame kritische Stimmen zum Schweigen zu bringen. Ich kann nicht sagen, dass ein Argument nicht stimmt, nur weil es von einer Seite kommt, die mir nicht passt.

Eine weitere Kritik stammt vom Schweizer Soziologen Farhad Afshar. Der Präsident der «Koordination Islamischer Organisationen Schweiz (KIOS)» sagte, Sie würden Vorurteile gegen den muslimischen Galuben schüren. Zum Beispiel bei den Themen Gewalt und Frauenfeindlichkeit.
Für mich ist das eine Bagatelle. Afshar ist ein 75-jähriger Verbandsfunktionär und ich kritisiere diese Verbände schon lange. Da ist es logisch, dass er mich angreift. Im Übrigen gibt es die KIOS nach meinem Wissensstand nicht wirklich. Soweit ich weiss, besteht die Organisation nur aus ihm. Afshar ist ein undurchsichtiger Geschäftsmann, seine Kritik lässt mich kalt. Er findet ja auch, dass man den Austausch von Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit verbieten sollte – ganz auf der Linie der Islamisten.

Sie kritisieren Islamisten. Werden Sie oft bedroht?
Beschimpfungen und Bedrohungen gehören zu meinem Leben. Darüber möchte ich aber nicht sprechen, ich brauche die Energie für meine Arbeit.

Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM)

Saïda Keller-Messahli wurde Anfang Dezember 2016 mit dem Menschenrechtspreis der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte, Sektion Schweiz, ausgezeichnet. Die IGFM wurde vor rund 50 Jahren in Frankfurt gegründet. Als Gründungsmitglieder traten vor allem russische Flüchtlinge auf, die sich in der Folge um Familienzusammenführungen kümmerten. Insgesamt ist die IGFM in 36 Ländern aktiv. Die Schweizer Sektion mit Sitz in Nidau gibt es seit knapp 30 Jahren. Als Präsidentin der Schweizer Sektion amtet Monique Schlegel. Sie ist Mitglied der Bürgerlich-Demokratischen Partei (BDP).

Seit 1994 verleiht die Sektion Schweiz der IGFM jährlich einen Menschenrechtspreis. Zu den bisherigen Preisträger/innen gehörten unter anderem die Glückskette, der Dalai Lama, Adolf Ogi, Dick Marty, Heidi Tagliavini und Kurt Pelda.

Die Preisträger/innen werden vom Vorstand der IGFM, Sektion Schweiz vorgeschlagen. 

Die IGFM sieht sich als Ergänzung zu Amnesty International. Zu den Erfolgen der IGFM zählt etwa die Aufnahme des 
russischen Psychiaters Anatoly 
Koryagin und seiner Familie in der Schweiz. Koryagin weigerte sich, in Russland politische Gefangene mit Medikamenten ruhigzustellen. Daraufhin wurde er inhaftiert. Beim Prozess wog er nur noch 36 Kilo und musste mit einer Bahre in den Gerichtssaal getragen werden.